KI-generierter Code ist schnell erstellt. Genau deshalb halte ich einen anderen Schritt für mindestens genauso wichtig:
Code Review.
Denn nur weil eine KI Code erzeugen kann, bedeutet das nicht automatisch, dass dieser Code architektonisch sinnvoll, wartbar oder fehlerfrei ist.
In meinem aktuellen KI-gestützten App-Projekt wollte ich deshalb nicht nur testen, wie gut Claude Code Features implementiert.
Ich wollte wissen:
Kann Claude meinen Code genauso kritisch prüfen, wie es ein erfahrener Entwickler in einem Pull Request tun würde?
Um das herauszufinden, habe ich einen kleinen Test gemacht.
Ich habe bewusst Code eingebaut, von dem ich wusste, dass er mehrere Probleme enthält.
Dann habe ich Claude ausschließlich als Reviewer eingesetzt.
Warum ich Review und Fix voneinander trenne
Ein Punkt war mir dabei besonders wichtig:
Claude sollte den Code nicht direkt reparieren.
Denn wenn ein Agent gleichzeitig analysiert und verändert, ist später kaum noch nachvollziehbar, was er tatsächlich erkannt hat.
Deshalb bestand der erste Schritt ausschließlich aus Review.
Mein Prompt lautete sinngemäß:
Führe ausschließlich ein Code Review durch.
Ändere keinen Code.
Prüfe unter anderem:
- Architekturverstöße
- State Management
- ViewModel-Probleme
- Dependency Injection
- Networking
- Lifecycle und Coroutines
- Fehlerbehandlung
- Accessibility
- fehlende Tests
- Wartbarkeit
- unnötige Komplexität
Klassifiziere jedes Finding als:
- Critical
- Important
- Suggestion
Nenne zu jedem Finding:
1. Datei und Stelle
2. Problem
3. Auswirkung
4. empfohlene Lösung
Außerdem habe ich Claude ausdrücklich gesagt:
Gehe davon aus, dass ich absichtlich schlechten Code eingebaut habe. Suche aktiv danach.
Das klingt banal, verändert aber den Ton des Reviews deutlich.
Warum ein Engineering Handbook dabei wichtig ist
Der Review-Agent sollte nicht nur allgemeine Best Practices anwenden.
Er sollte nach meinen Projektregeln reviewen.
Deshalb verwendet Claude in meinem Projekt ein versioniertes Engineering Handbook mit Regeln zu:
- Architektur
- Android
- iOS
- Reactive State
- Koin
- Ktor
- Testing
- Accessibility
- Review-Verhalten
Dadurch lautet die Frage nicht nur:
Ist dieser Code irgendwie okay?
Sondern:
Passt dieser Code zu diesem konkreten Projekt?
Das ist aus meiner Sicht ein großer Unterschied.
Projektregeln
Architektur, Naming, Libraries und Coding Style bilden die Basis des Reviews.
Git-Diff
Claude untersucht gezielt die Änderungen statt wahllos das gesamte Projekt zu kommentieren.
Kritische Bewertung
Funktionierender Code darf trotzdem als problematisch markiert werden, wenn er architektonisch falsch ist.
Das Ergebnis
Claude hat die eingebauten Probleme tatsächlich erkannt und als Findings strukturiert aufgelistet.
Das fand ich vor allem deshalb interessant, weil sich die Kritik nicht nur auf offensichtliche Syntax- oder Stilprobleme beschränkt hat.
Auch Dinge wie falsche Verantwortlichkeiten, Architekturverletzungen und fehlende Absicherung durch Tests wurden angesprochen.

Das ist für mich der entscheidende Punkt:
Ein guter Review-Agent sollte nicht nur sagen:
„Der Code kompiliert.“
Er sollte sagen:
„Der Code funktioniert, passt aber trotzdem nicht zu unserer Architektur.“
Findings priorisieren
Ich lasse Claude Findings in drei Kategorien aufteilen:
Critical
Probleme, die Bugs, Datenverlust, Sicherheitsprobleme oder gravierende Architekturfehler verursachen können.
Important
Probleme, die Wartbarkeit, Testbarkeit oder Stabilität deutlich beeinträchtigen.
Suggestion
Verbesserungen, die sinnvoll sind, aber nicht zwingend vor einem Merge umgesetzt werden müssen.
Das hilft enorm.
Denn ein Review mit 25 gleichwertigen Kommentaren ist kaum besser als gar kein Review.
Erst reviewen, dann beheben
Nachdem ich die Findings geprüft hatte, durfte Claude sie beheben.
Das ist aus meiner Sicht der richtige Ablauf:
Code
↓
Review
↓
Findings
↓
menschliche Bewertung
↓
Fix
↓
erneutes Review
Nicht:
Code
↓
KI ändert irgendetwas
↓
wird schon passen
Dieser Zwischenschritt ist wichtig, weil ich weiterhin entscheiden möchte, welche Kritik ich überhaupt teile.
Eine KI kann schließlich auch vollkommen legitimen Code unnötig kompliziert machen.
Claude reviewt danach seinen eigenen Fix
Nach der Korrektur lasse ich Claude noch einmal auf den eigenen Diff schauen.
Nicht mit der Erwartung:
„Bestätige, dass jetzt alles gut ist.“
Sondern:
Gehe davon aus, dass auch deine eigene Lösung neue Fehler enthalten kann.
Ein möglicher Prompt:
Reviewe ausschließlich deine eigenen Änderungen.
Suche aktiv nach:
- neuen Bugs
- Regressionen
- unnötiger Komplexität
- Architekturverstößen
- Inkonsistenzen
- fehlenden Tests
Ändere zunächst nichts.
Das klingt vielleicht redundant.
Aber gerade bei größeren Änderungen ist ein zusätzlicher Self-Review erstaunlich sinnvoll.
Wo ich Code Reviews mit KI besonders sinnvoll finde
Ich sehe aktuell mehrere interessante Einsatzbereiche.
Eigene Änderungen reviewen
Ich implementiere selbst in Android Studio oder Xcode und lasse anschließend den Git-Diff überprüfen.
Gerade dabei ist KI interessant, weil man für den eigenen Code häufig betriebsblind wird.
KI-generierten Code reviewen
Noch wichtiger.
Nur weil Claude selbst einen Feature-Branch geschrieben hat, sollte er nicht automatisch als korrekt gelten.
Größere Refactorings
Wenn viele Dateien verändert werden, kann Claude gezielt nach Regressionen und inkonsistenten Patterns suchen.
Pull Requests vorbereiten
Vor einem menschlichen Review kann ein KI-Review offensichtliche Probleme herausfiltern.
Dadurch bleibt im eigentlichen Review mehr Zeit für Architektur und Produktlogik.
Wo die Grenzen liegen
Ich würde KI-Code-Reviews trotzdem nicht mit einem menschlichen Review gleichsetzen.
Claude kennt zwar Code und Projektregeln, aber nicht automatisch:
- alle Business-Zusammenhänge
- versteckte Produktanforderungen
- historische Entscheidungen
- organisatorische Absprachen
- reale Nutzerprobleme
Außerdem kann auch ein KI-Reviewer:
- False Positives erzeugen
- unnötige Abstraktionen vorschlagen
- wichtige Probleme übersehen
- funktionierenden Code überoptimieren
Deshalb sehe ich Claude nicht als Ersatz für Reviews.
Sondern als zusätzliche Review-Ebene.
Warum ich diesen Workflow interessant finde
Der spannendste Effekt ist für mich gar nicht, dass Claude Fehler findet.
Es ist die Tatsache, dass derselbe Agent verschiedene Rollen übernehmen kann.
Zum Beispiel:
Claude als Entwickler
↓
Claude als Reviewer
↓
Claude als Refactoring-Partner
↓
Claude als Test-Autor
Entscheidend ist, diese Rollen klar voneinander zu trennen.
Ich sage Claude deshalb ausdrücklich:
Reviewe. Ändere nichts.
Oder später:
Behebe ausschließlich die akzeptierten Findings.
Das verhindert, dass der Agent eigenmächtig den halben Code umbaut.
KI als zweiter Senior-Entwickler?
So weit würde ich heute noch nicht vollständig gehen.
Aber der Gedanke kommt dem tatsächlichen Nutzen inzwischen ziemlich nahe.
Claude Code ist für mich weniger interessant als reiner Codegenerator.
Viel spannender wird es, wenn die KI:
- bestehende Architektur versteht
- Projektregeln kennt
- Änderungen plant
- Code schreibt
- Code kritisch hinterfragt
- Tests ergänzt
- eigene Fehler wieder sucht
Dann entsteht eher eine Art Pair-Programming-Workflow.
Mein Fazit
Mein erster Test mit Code Reviews durch Claude Code war überraschend positiv.
Besonders gut funktioniert es aus meiner Sicht, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind:
- Die KI kennt die Architektur und Coding Standards des Projekts.
- Review und automatische Änderungen werden bewusst voneinander getrennt.
- Die Findings werden weiterhin von einem Entwickler bewertet.
Dann kann KI eine wertvolle zusätzliche Qualitätsschicht sein.
Nicht als unfehlbarer Prüfer.
Sondern als zweites Paar Augen, das jederzeit verfügbar ist und den gesamten Git-Diff noch einmal systematisch hinterfragt.
Und genau darin sehe ich aktuell einen der praktischsten Anwendungsfälle für KI in der professionellen App-Entwicklung.
